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Wir sind ab nun regelmäßig im CHEMIE REPORT mit einer ÖGMBT-Kolumne mit den neuesten Entwicklungen aus der österreichischen Life Science Szene vertreten. Wenn Sie einen interessanten Beitrag dazu leisten wollen, richten Sie Ihre Anfrage bitte an die Geschäftsstelle!

 

 

„Das Vertrauen in die Wissenschaft stärken“

on 13 March, 2023

Mit Jahreswechsel hat Viktoria Weber die ÖGMBT-Präsidentschaft von Lukas Huber übernommen. Wir sprachen mit beiden über die Rolle der Biowissenschaften während der Pandemie, die Arbeit der Fachgesellschaft unter den Rahmenbedingungen der vergangenen Jahre und die Pläne  für die Zukunft.

 

CR: Herr Huber, wenn Sie auf Ihre Zeit als Präsident der ÖGMBT zurückblicken – was waren die  Highlights und wichtigsten Ereignisse?
Huber: Kurz nachdem ich die Präsidentschaft übernommen hatte, hat die COVID-19-Pandemie begonnen. Das hat die Regeln vollkommen neu geschrieben. Es ging zunächst darum, unter diesen Rahmenbedingungen überhaupt den Betrieb aufrechtzuerhalten und die Community bei ihren Aufgaben zu unter stützen. Wir haben sehr rasch Maßnahmen gesetzt und neue Mittel verwendet, an die wir uns anschließend schnell gewöhnt haben. Geschäftsstelle, Vorstandssitzung und die Treffen der jungen Mitglieder in der YLSA („Young Life Scientists Austria“), sogar Firmenbesuche wurden online abgehal-ten. Auch die Jahrestagung konnte 2020 erstmals nicht in physischer Präsenz stattfinden. Wir haben dazu ein Format entwickelt mit einem Start-Event und sogenannten Life Science Tuesdays, an denen über die nächsten Monate verteilt Vorträge zu bestimmten Themenkreisen angeboten wurden. Die Kollegen am Standort Graz, an dem die Jahrestagung stattgefunden hätte, haben sich da sehr verdient gemacht. 2021 konnten wir hier Innsbruck schon von diesen Erfahrungen profitieren. Die Sessions über ein halbes Jahr zu verteilen war vielleicht ein bisschen zu lang, wir haben das deshalb im Jahr darauf innerhalb von drei Wochen durchgezogen. Die Preisverleihung haben wir in all den Jahren dennoch vor Ort durchgeführt. Ein großer Erfolg war 2022 auch die erstmalige Durchführung der Life Science Career Fair. Wir hatten viele Teilnehmer, von denen viele auch bei der Jahrestagung geblieben sind.

CR: Welche Rolle konnte die ÖGMBT während dieser besonderen Zeit für ihre Mitglieder spielen?
Es war sehr wichtig, die Arbeit als wissenschaftliche Gesellschaft in so einer Krisensituation fortzuführen. Die Mitglieder brauchen ein „Social Backbone“, eine Plattform, die den Austausch ermöglicht.

CR: In dieser Situation haben Sie auch Ihre zweite Amtszeit angetreten.
Huber: Das war eigentlich nicht geplant. Wir streben grundsätzlich einen höheren Turnover an. Jede Person bringt neue Ideen in, das hält die Gesellschaft am Leben. Aber in dieser Situation habe ich in Abstimmung mit Vizepräsidentin Viktoria Weber und dem ganzen Vorstand eingewilligt, für eine zweite Periode zur Verfügung zu stehen.
Weber: Die vier Jahre der Präsidentschaft von Lukas Huber unter diesen Umständen waren eine enorme Leistung. Ich erinnere mich an viele Stellungnahmen, in denen wir uns als wissenschaftliche Gesell-
schaft zu oft sehr sensiblen Fragen geäußert haben. Lukas Huber gebührt großer Dank dafür.

CR: Während der Coronapandemie  waren viele Biowissenschaftler ja auch mit ihrer Fachexpertise gefragt und  haben sich öffentlich zu Wort gemeldet. Vielfach wurde kritisiert, die Bandbreite  an Meinungen, die man hören konnte,  war zu gering. Was sagen Sie dazu?
Huber: Eine gewisse Verengung bringt schon die Art der Krise mit sich. Bei einer Viruserkrankung stehen eben Virologen und Systemforscher im Vordergrund. Allerdings hat es auch selbsternannte Experten gegeben, die Aussagen von sich gegeben haben, die nicht haltbar waren. Ein Politiker kann nur Entscheidungen treffen auf der Grundlage dessen, was Experten ihm raten. Hier ist viel Unfug passiert, der das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft erschüttert hat.
Weber: Ich hätte mir manchmal mehr disziplinäre Verengung gewünscht, sodass sich verschiedene Personen besser eines Kommentars enthalten hätten. Aber in dieser Zeit ist auch sehr klar geworden, dass Wissenschaft und Politik nach verschiedenen Logiken funktionieren. In der Wissenschaft steht die Diskussion, das kritische Bewerten aufgrund von Fakten im Mittelpunkt. Auf viele Fragestellungen kann keine endgültige Antwort gegeben werden, und man muss sagen: Das wissen wir noch nicht. Wenn zwei Wissenschaftlerinnen einander widersprechen, heißt das nicht, dass sie streiten. Die Wissenschaft muss aber klar kommunizieren: Aufgrund der Datenlage kann man derzeit diese Aussage machen. Auf der anderen Seite muss die Politik entscheiden, auch wenn die Wissenschaft keine abschließenden Aussagen machen kann. Sie braucht ein Gremium, das den Stand des Wissens als Entscheidungsgrundlage zusammenfasst – und kann nicht auf der Basis einzelner Sichtweisen entscheiden.

CR: Frau Weber, was hat sie bewogen, nun die Präsidentschaft zu übernehmen?
Weber: Ich bin ja schon längere Zeit im Vorstand tätig, irgendwann war es an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn das mit großem Arbeitsaufwand verbunden ist. Die ÖGMBT verfügt über eine gut etablierte Geschäftsstelle mit langjähriger personeller Kontinuität, von der ich als Präsidentin Unter stützung in vollem Ausmaß bekomme. Und ich halte es grundsätzlich für wichtig, sich über die eigenen wissenschaftlichen Themen hinaus in Fachgesellschaften zu engagieren.


CR: Im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Gesellschaften hat man bei der ÖGMBT den Eindruck, dass die aktive Einbindung von Unternehmen der Life-Sciences-Branche besonders gut funktioniert.
Weber: Diesen Eindruck kann ich auch im Vergleich mit anderen Fachgesell schaften, in denen ich aktiv bin, bestätigen. Ich glaube, das liegt daran, dass es in dieser Branche eine Szene aus kleineren und mittleren Unternehmen gibt, die den unmittelbaren Kontakt zu Kunden und potenziellen Mitarbeitern suchen. Das Format der Firmenausstellung im Rahmen der Jahrestagung ist sehr ansprechend, hier konnte die Übertragung in den virtuellen Raum die persönliche Interaktion nicht ersetzen.


CR: Welche Pläne haben Sie für Ihre Amtszeit?
Weber: Es gibt keinen fertigen Zwei-Jahres-Plan, aber einige Schwerpunkte sind schon deutlich. Dazu gehört die Einbindung der jüngeren Generation weiterzuentwickeln, indem wir etwa jüngere Gruppenleiter in den Vorstand holen. Das zu pflegen und zu fördern, ist das Fundament und die Zukunft einer Fachgesellschaft. Die jungen Mitglieder bringen auch andere Themen und neue Sichtweisen ein. In diesem Zusammenhang sind die ÖGMBT-Awards von großer Bedeutung, weil sie wichtige Elemente im Lebenslauf von jungen Forschenden sind. Auch die breit gefächerte Jahrestagung ist eine gute Möglichkeit, in einem „geschützten Raum“ erstmals  die eigenen wissenschaftlichen Ergebnisse zu präsentieren. Wichtig ist mir auch das Einbringen in den öffentlichen Diskurs. Wissenschaft wird so oft als Gefahr und Bedrohung gesehen. Wir müssen uns daher fragen, wie wir das Vertrauen in die Naturwissenschaft stärken und ein positives Bild ihrer  Tätigkeit und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft vermitteln können. Da gibt es eine Fülle von interessanten Vermittlungsformaten, das würde ich gerne aufgreifen.


CR: Die ÖGMBT vereint ja ein ganzes Bündel von Disziplinen. Hat sich diese  Vielfalt unter dem gemeinsamen Dach gut entwickelt?
Huber: Des Rätsels Lösung ist der Wechsel der Standorte bei den Jahrestagungen. Jeder hat seine eigenen Schwerpunkte und daher die Möglichkeit, die Ausrichtung zu gestalten. Auf diese Weise kann die Mutter die Fachgebiete auf viele Kinder aufteilen.
Weber: Natürlich werden sich auch künftig neue Schwerpunkte entwickeln, da würden wir vonseiten der Gesellschaft gar nicht eingreifen. Als Instrument dafür gibt es die Arbeitsgruppen innerhalb der ÖGMBT, die mehr als bisher genutzt werden könnten.

 

Published in Chemiereport 01/2023