Abstrakte Darstellung digitaler Technologien mit schwebenden, durchsichtigen geometrischen Formen, verbunden durch ein Netzwerk aus leuchtenden Punkten und Linien, symbolisierend künstliche Intelligenz, neuronale Schnittstellen und maschinelles Lernen.
Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren in Österreich verbessert. Dennoch bestehen nach wie vor einige Fallstricke. (Getty Image)

 

Wie Wissenschaft und Wirtschaft enger kooperieren können, um gesellschaftlichen Mehrwert zu generieren, diese Frage rückt insbesondere in Zeiten der wirtschaftlichen Krise in den Fokus der Aufmerksamkeit. Beim Think Beyond Summit des Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF suchen Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Bereichen gemeinsam nach Lösungen, um Kooperationen zu fördern. Die Innovationsexpertin Dorothea Ringe hält dabei eine Keynote zu ihren diesbezüglichen Aktivitäten bei der Joachim Herz Stiftung in Hamburg.

STANDARD: Frau Ringe, beim Think Beyond Summit sprechen Sie über die Kooperation von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Unter welchen Voraussetzungen kann eine solche Zusammenarbeit gut gelingen?

Ringe: Ganz entscheidend ist die Kultur der Zusammenarbeit. Erwartungsmanagement ist dabei zentral: Von Anfang an muss klar sein, was alle Beteiligten voneinander erwarten. Darüber hinaus sind starke Netzwerke zwischen den verschiedenen Akteuren entscheidend. Man spricht häufig vom Innovationsökosystem. In der Praxis bedeutet das: Wir brauchen bessere Netzwerke zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Und wir brauchen Orte, an denen diese Netzwerke zusammenkommen können. Solche Begegnungsorte versuchen wir in der Joachim Herz Stiftung gezielt zu schaffen und auch über Förderprojekte zu unterstützen.

STANDARD: Können Sie beschreiben, wie solche Orte konkret aussehen können?

Ringe: Ein aktuelles Beispiel ist ein großes Förderprojekt, das wir hier in Hamburg gestartet haben: unser Startup- und Innovationshub "Impossible Founders". Ziel ist es, Innovationen aus der Wissenschaft an den Markt zu bringen. Dafür fördern wir unternehmerische Ausgründungen aus der Wissenschaft und sorgen gleichzeitig dafür, dass diese Teams mit Industriepartnern und Investoren in Kontakt kommen. An einem solchen Ort treffen unterschiedliche Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft aufeinander. Das verkürzt die Zeit, die benötigt wird, um Ideen zu testen, Partnerinnen und Partner zu finden und Innovationen tatsächlich umzusetzen.

STANDARD: Sie haben das Thema Erwartungsmanagement angesprochen. Worin unterscheiden sich die Erwartungen von Wissenschaft und Wirtschaft?

Ringe: Sehr häufig gibt es Unterschiede in der zeitlichen Perspektive. In der Wirtschaft wird Schnelligkeit oft höher priorisiert als Perfektion. In der Wissenschaft ist es häufig umgekehrt: Genauigkeit und Perfektion stehen im Vordergrund, auch wenn das mehr Zeit in Anspruch nimmt. Deshalb ist es entscheidend, vor Projektbeginn gemeinsam zu klären, wie schnell Ergebnisse benötigt werden, um einen wirtschaftlichen Mehrwert zu generieren. Meist kommt ein Wirtschaftspartner mit einem konkreten Problem auf die Wissenschaft zu. Dann muss klar sein, in welchem Zeitrahmen eine Lösung entstehen soll – und ob auf beiden Seiten ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen, um dieses Ziel zu erreichen.

Eine Person trägt eine rosa Jacke mit blauem Kragen und Knöpfen sowie eine Perlenkette. Der Hintergrund zeigt unscharfe Farben und Formen.
Dorothea Ringeist Director Entrepreneurship bei der Joachim Herz Stiftung.

Joachim Herz Stiftung/Andreas Klingenberg

 

STANDARD: Was motiviert aus Ihrer Sicht die jeweiligen Seiten, solche Kooperationen überhaupt einzugehen?

Ringe: Auf wissenschaftlicher Seite ist der gesellschaftliche Impact ein sehr starker Motivator – zumindest für jene Wissenschafterinnen und Wissenschafter, die solche Kooperationen aktiv anstoßen oder leiten. Sie möchten ihre Forschung nutzbar machen und sehen, dass daraus konkrete Verbesserungen für die Gesellschaft entstehen. Natürlich ist auch die klassische Motivation, neues Wissen zu generieren oder neue Horizonte zu erschließen, weiterhin wichtig. Aber der Purpose-Gedanke gewinnt an Bedeutung, besonders bei jüngeren Generationen.

STANDARD: Und auf Seiten der Wirtschaft?

Ringe: Dort ist die Zusammenarbeit mit absoluten Expertinnen und Experten ein zentraler Anreiz. Forschende sind oft international vernetzt, nah an den neuesten Entwicklungen und in ständigem Austausch. Gemeinsam mit ihnen konkrete Probleme zu lösen, ist für Unternehmen sehr attraktiv. Hinzu kommt die Hoffnung, schneller zum Ziel zu kommen und sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil zu erarbeiten.

STANDARD: Sie unterstützen intensiv die Gründung von Start-ups aus der Wissenschaft. Wo liegen hier die größten Hürden?

Ringe: Die Arbeit der Joachim Herz Stiftung zielt vor allem darauf ab, unternehmerisches Denken und Handeln früh in Hochschule und Wissenschaft zu verankern. Die erste Hürde ist, dass Wissenschafterinnen und Wissenschafter Unternehmertum überhaupt als Karriereoption in Betracht ziehen. Hier hat sich in den letzten 15 Jahren viel getan, auch in Deutschland und Österreich. Dennoch gibt es weiterhin Luft nach oben. Unternehmertum lernt man am besten durch Learning by Doing. Deshalb setzen wir auf handlungsorientierte Lernformate, in denen Studierende und Forschende in einem geschützten Raum unternehmerische Erfahrungen sammeln können.

STANDARD: Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie dabei?

Ringe: Eine große Hürde ist, frühzeitig vom Markt her zu denken und Projekte so zu strukturieren, dass sie tatsächlich Richtung Anwendung und Markt entwickelt werden. Eine weitere große Herausforderung ist die Zusammenstellung des richtigen Gründungsteams. Erfolgreiche Gründungen brauchen Teams mit komplementären Fähigkeiten – und diese Teams müssen auch menschlich funktionieren. Das ist sehr anspruchsvoll.

STANDARD: Wie geht es dann weiter, wie kommt ein Gründungsteam zu den passenden Investoren?

Ringe: Das ist oft die größte Herausforderung. Es dauert häufig lange, bis Gründerinnen und Gründer aus der Wissenschaft die richtigen Investoren finden. Nicht jeder Investor passt zu jedem Thema, und die Netzwerke sind oft intransparent. Gründer müssen viel Zeit investieren, um zu verstehen, wie sie sich aufstellen müssen, welche Investoren relevant sind und was sie mitbringen müssen, um attraktiv zu sein. Auch hier versuchen wir, über Netzwerke, Bildungsangebote und unser Gründungszentrum Impossible Founders zu unterstützen. Denn strukturelle Fehler am Anfang können später große Wachstumschancen verbauen.

STANDARD: In Österreich – ähnlich wie in Deutschland – funktioniert die Gründung inzwischen besser, aber das Wachstum und Scaling bereiten große Probleme. Haben Sie Empfehlungen?

Ringe: Das ist ein gesamteuropäisches Problem. Die Ursachen sind vielfältig, und es gibt keine einfache Lösung. Es braucht politische und strukturelle Reformen. Aus individueller Sicht würde ich Gründern empfehlen, früh Kontakt zu erfolgreichen europäischen Scale-ups zu suchen und von deren Erfahrungen zu lernen. Gleichzeitig müssen wir an der Verfügbarkeit von Wachstumskapital arbeiten und eine Kultur schaffen, in der große Fonds und größere Finanzierungsrunden in Europa attraktiver werden.

STANDARD: Haben Sie den Eindruck, dass die zunehmenden Anstrengungen, um Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu fördern, auch in die Wissenschaft zurückwirken?

Ringe: Ja, diesen Eindruck habe ich. Viele jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschafter haben im Ausland gearbeitet, insbesondere im angelsächsischen Raum, und bringen eine selbstverständlichere Zusammenarbeit mit der Wirtschaft mit zurück. Und ich nehme wahr, dass das Thema Transfer an Hochschulen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Auch die Pandemie hat die zentrale Rolle der Wissenschaft für die Gesellschaft stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Das hat wiederum in die Wissenschaft selbst zurückgewirkt. Insgesamt hat sich die Kultur verändert, auch wenn es da sicherlich noch Luft nach oben gibt. 

Quelle STANDARD